von konrad vorgestellt:
savages “silence yourself”
urteil christoph:
“sattelfest sitzen savages auf dem postpunk-pferd, trauen sich selbst ein härteres galopp zu und fallen dabei nicht vom gaul. der leicht dramatisierende gesang, am ehesten mit dem anna calvis zu vergleichen, ist ein wagnis wie saltos beim voltigieren. doch wie gertenenhiebe treffen jehnny beths lodernden verse auf das instrumentarium und machen “silence yourself” zu einem kompakten, energetischen album. einzig das zahmere “marshal dear” fällt etwas aus dem rahmen, was jedoch nicht irritiert. das konzept ‘10 tracks mit ordentlich ps und einer spazierfahrt’ schmeckt wie sauerbraten mit apfelmus.”
von christoph vorgestellt:
r.a. the rugged man “legends never die”
urteil konrad:
“es geht um rap meine freunde! also die sparte von musik, an die man am einfachsten maßstäbe setzen kann. richter christoph hat mir sogar die wahl gelassen, also öffne ich den ordner, während ich etwas auf meiner zunge kaue und sehe ein album von talib kweli, eines von noreaga, der sich jetzt p.a.p.i nennt und schließlich eines von r.a the rugged man.
p.a.p.i wird aufgrund seines dämlichen namens und seiner schönen stimme direkt aussortiert, was sich im nachhinein als klug erwiesen hat. bei kweli mache ich es mir schon schwerer, aber das album heißt ‘prisoner of conscious’, der name könnte von mir vor 10 jahren sein, als ich noch empfänglicher für rapper und ihre weltbilder war. einmal als ich 7 jahre alt war schickte mich meine mutter zum einkaufen, aber ich verlor das geld auf dem hinweg und durfte mir anschließend eine backpfeife abholen, ich floh darauf nach draußen und als ich schließlich rein musste, weil es dunkel wurde, überkam mich ein gefühl, es ist das gleiche gefühl das ich jetzt habe wenn ich den talib kweli ordner öffnen soll.
also bewege ich meine träge, beinahe 32 jahre alte hand, zur maus und starte den ersten track von ‘legends never die’. war doch gar nicht so schwer. das thema des new yorkers hart sich nicht verändert, es ist immer noch i’m a piece of shit and i don’t give a fuck’, aber r.a. wiederspricht diesem wünschenswerten grundsatz bereits bei ‘learn truth’ mit talib kweli(!). egal, ein guter rapper ist auch immer ein opportunist.
und tatsache, er hat noch einen draufgelegt. ob es das hymnenartige ‘people’s champ’ ist oder das aberwitzige ‘shoot me in the head’, stets gibt es zeile für zeile, schnelle, fast manische reime die nun auch häufiger in doubletime gebracht werden. die beats sind solider boom bap und weisen deutliche oldschoolreferenzen auf, aber von einem veteranen wie ihm, hätte ich auch keinen trap oder dubstep erwartet.
spätestens bei ‘the dangerous three’ mit masta ace & brother ali, hat er mich dann endgültig eingelullt, denn ich bin ein einfacher junge und wenn man mir ein druckvolles pianobrett und eine handvoll fähiger mc’s präsentiert, hat man so gut wie gewonnen. alles andere solltest du selber entdecken und dir vor allem die zeit nehmen, diesem freak genauer zuzuhören.
ach ja, meine lieblingszeile ist:
fuck this, I ain’t talking politics no more Instead I’ll walk in your office and shit on your floor.”
von konrad vorgestellt:
crystal castles “III”
urteil christoph:
„dieses album wird dir die schamesröte ins gesicht treiben. das liegt einerseits an den eurodance-plastiksounds, die koryphäen des schlechten geschmacks wie 2 unlimited mit einem lapidaren “das geht zu weit” abwiegeln würden. andererseits liegt es an dem fiebrigen gekreische der aufgekratzten frontfrau alice glass, der es offensichtlich um schmerz geht. ob sie jedoch ihrem eigenen schmerz ausdruck verleihen möchte, oder dem zuhörer hinzufügen möchte, bleibt ungeklärt. in dieser unsicherheit, ob ein ironischer bruch vorliegt oder nicht, besteht die stärke des albums.“
von konrad vorgestellt:
phoenix „bankrupt!“
urteil christoph:
„urlaub nehmen, sonnendach ausmontieren, drauf losfahren. dank der gleichen unbeschwertheit, die den vorgänger „wolfgang amadeus phoenix“ in den olymp des susi-sorglos-hedonismus hievte, sichern die franzosen nun die nachfolge eines der symptomatischsten alben der 00er jahre. mit einer akzent-verschiebung in richtung synthie-flöten gibt man sich immer noch als etwas galant-glänzendere variante einer typischen indieband. somit bleibt die bankrotterklärung als self-fulfilling prophecy aus.“
von christoph vorgestellt:
jacco gardner “cabinet of curiosities’
urteil konrad:
“der pink floyd biograph nicholas schaffner beschrieb es so: die bandmitglieder machten jeden morgen mit dem gemeinsamen wagen eine runde und holten jeden zur probe ab, roger waters fuhr los und syd barret wurde immer als letzter abgeholt. eines morgens, hatten die anderen floydianer, keine lust mehr auf ihren namensgeber und holten ihn einfach nicht mehr ab.
und wozu das ganze? nur um sich in die lange, graue reihe der supergroups einzugliedern und acht jahre später, bei ‘wish you were here’, immer noch so zu tun, als hätten sie ihren kreativen querulanten, nicht mit absicht abgesägt? deshalb bin ich wirklich froh, dass es jacco gardner gibt, der hat es nämlich vorbildlich geschafft, den focus auf sein vorbild zu richten und all das gute einzufangen, welches irgendwann ende der sechziger, zusammen mit dem verstand von syd barret unterging.
lieder wie ‘the one eyed king’ oder ‘cabinet of curiosities’ könnten geradezu eine fortführung seiner alben sein, allerdings mit perfektem timing und ohne die textaussetzer des originals. abgesehen davon, sind intonation und textinhalte alte bekannte und man spürt, dass hier liebe am werk ist.
cabinet of curiosities ist unschuldig, positiv, unbeschwert und verwunschen, ein musikalisches kinderbuch, verziert mit einem augenzwinkern, welches sogar dem grämigsten plattenrichter das wort ‘innovation’ aus dem mund nimmt, denn bei so viel zukunftsmusik die gerade erscheint, werde ich mich wohl kaum über jemand ärgern, der den helden meiner jugend ehrt.”
von christoph vorgestellt:
nick cave & the bad seeds “push the sky away”
urteil konrad:
“ausgestoßene im mittelalter, mittellose in der renaissance, wasserleichen im 19ten jahrhundert, bis hin zum soliden leiden der gegenwart, nick cave hat uns alle daran teilhaben lassen.
die erfahrung in vertonter trauer, wird bei ‘push the sky away’, wieder einmal deutlich und zeigt, dass wirklich niemand sonst, so schön vom häßlichen berichten kann. die bad seeds sind zurückhaltend, aber punktgenau und geben dem postmodernen edgar allen poe mit der gelfrisur, genau was er braucht und wann er es braucht. das ergebnis ist beeindruckend, denn das album klingt vom ersten track, wie eine best of-kompilation, die alles vereint, was diese truppe bisher groß gemacht hat.
fans des australiers, können deshalb blind zugreifen und werden wieder einmal begreifen, dass nick cave sicherlich nicht von ehepaaren im weltraum zu berichten weiß und auch beim nächsten album, nicht wie mr. saxobeat klingen wird.”
von konrad vorgestellt:
coheed & cambria „the afterman: descension“
urteil christoph:
“häufig reicht ein schneller blick aus, um anhand des aussehens der am konzerteinlass wartenden meute zu erkennen, welche band spielt. die insane clown posse wird von der white-trash juggalo community hofiert, cowboyhuttragendes mittelklasse-establishment steht bei den rascal flatts schlange und wenn du den mob hakkender gabber glatzen siehst, weißt du: der rotterdam terror corps ist zu gast.
und so stellt sich die frage, wie wohl der typische fan von coheed & cambria aussieht. nach mehrmaligem hören des albums traue ich mir eine einschätzung zu.
ich tippe auf viele schwarze t-shirts mit airbrushs von avatarigen sci-fi szenen, die die grundlage ALLER songtexte der konzeptband bilden. weiterhin tippe ich auf bleiche gesichter, lange haare und schwarzes leder, eine klare allegorie für liebe zu gitarren, verzicht auf elektronische elemente und eine gewisse grundhärte, mit der man sich erstklassig von mainstream nieten wie linkin’ park distanzieren kann - ohne dabei zwangsläufig bessere musik als bonnie tyler abzuliefern. darüber hinaus glaube ich an nonkonformistische bärte mit eingeflochtenen perlen, überlange kutten und glänzende accessoires, die deutlich machen: in meiner welt haben keine wirtschaftsbosse das sagen, sondern traumwesen namens “claudio kilgannon” und “mayo deftinwolf”.
ob ich mit meiner beschreibung des typischen fans richtig liege, würde ich gerne beim nächsten coheed & cambria gig prüfen. vorausgesetzt, ich müsste mir das konzert nicht anschauen.”
von christoph vorgestellt:
james blake “overgrown”
urteil konrad:
“mit ein paar ep’s anlauf, steckte james blake, 2011 seinen claim, eine ganze ecke entfernt von den anderen ab und schürft seitdem, 24 karat pits und unvergleichbares, in einer regelmäßigkeit, die man eher von dancehallveteranen gewohnt ist.
obwohl overgrown, nahtlos an die vergangenen ep’s anschließt, ist es noch gedämpfter und bedächtiger geworden, aber auch heimtückischer. ähnlich einem lehrer, der immer leiser spricht, bis er die volle aufmerksamkeit seiner schüler hat, reduziert und verzichtet mr. blake, bis die dezenten akzente und überraschungen aus dem reich des understatements, beim hörer die beabsichtigte wirkung zeigen.
bezeichnungen und schubladen, sind an dieser stelle, genauso überflüssig wie anspieltipps und einzelbetrachtungen, einzig soll gesagt sein, dass es wahrer ‘soul’ ist, der sich glücklicherweise, vieler, oft brachliegender, stilmittel bedient und nur deshalb so ehrlich auf den hörer wirkt, weil es angenehm ist und spaß macht, in der nische weiterzuarbeiten, die man sich selbst geschaffen hat.”
von konrad vorgestellt:
nick cave & warren ellis „lawless soundtrack“
urteil christoph:
„jedes mal wenn ein album erscheint, das akzente setzt, immer wieder neu begeistert und am ende des jahres nochmals hochgelobt wird, stehen die karten der künstler gut, dass ein paar ihrer alten alben aus dem backkatalog verkauft werden.
dank dem vor zwei monaten veröffentlichten meisterwerk „push the sky away“, blüht dieser günstige umstand nick cave. ob sich der griff zu seinem mit warren ellis gemeinsam letztjährig produzierten soundtracks „lawless“ lohnt, soll in den nächsten zeilen geklärt werden.
“lawless” zelebriert americana kultur in bluegrass-ausprägung. mit anderen worten: wer das als hip und/oder wegweisend bezeichnet, gehört wahrscheinlich zur minderheit der hillbilly-südstaaten-republikaner. durch gäste wie ralph stanley, der sich wie eine glücklichere cash-variante kurz vorm ableben anhört, stellt cave authentizität her. gleichzeitig drückt er dem genre die für seine produktionen typische melancholie auf. überraschenderweise geht die rechnung auf, wie sich besonders gut auf „fire in the blood“ nachhören lässt.
freude beim konsum setzt hier jedoch eine gewisse redneck-kultur-affinität heraus. zielgruppenübergreifend überragende bewertungen - dabei bleibe ich - werden am ende aus dem cave-katalog eher “push the sky away” zuteil.”
von christoph vorgestellt:
huss und hodn “fresh und umbenannt”
urteil konrad:
“es soll wirklich leute geben, die huss und hodn, für die speerspitze des deutschen raps halten, ich gehöre nicht dazu. sehen wir der wahrheit doch ins auge: retrogott klingt wie fumanschu, zu beginn von savas’ karriere, mit einem zacken mehr wortwitz und hulk hodn macht beats, die so klingen, als wären sie 1993 von cl smooth abgelehnt worden.
thematisch gibt es den gleichen brei, den uns die stieber twins, bereits 1996 vorgesetzt haben. im jahre 2013, ist das alles aber halt nicht mehr so lustig und die inhaltliche inzest, ist für außenstehende kaum zu ertragen. keiner sagt, dass hip hop sich immer weiterentwickeln und verändern muss, aber dies hier ist einfach kacka und wird von leuten gemacht, die das gegenteil von ‘hungrig’ sind.”